Alte Fleischerei wird Kunsthaus
VON FENJA WIECHEL-KRAMÜLLER
Mit dem Projekt „Ein Haus“ verwandelt die Künstlerinnengruppe KX07 einen Leerstand in Dannenberg in ein begehbares Kunstwerk
Dannenberg. „Fleischerei“ prangt in markanter rot-weißer Schrift über dem Schaufenster in der Dannenberger Innenstadt, Lange Straße 11.
Dahinter: ein leerer Laden. Doch in den Innenräumen herrscht geschäftiges Treiben: Neun Künstlerinnen der Gruppe KX07 arbeiten an ihrem
neuen Ausstellungsprojekt. Das Thema diesmal: „Ein Haus“. Ihr Ziel ist es, den Leerstand – ein Gebäude aus dem Jahr 1608, einst eine
Schlachterei – mit künstlerischen Mitteln zu erforschen und zu interpretieren. Vier Wochen lang, vom 17. August bis zum 14. September, wird die
Ausstellung zu sehen sein.

Ziel: Alltagsorte ins Zentrum
Wie wurde in diesem Gebäude – einst zwei Häuser, die zu einem vereint wurden – gelebt und gearbeitet? Welche Geschichten könnten die
Wände erzählen? Wer durch die Räume geht, spürt noch die Vergangenheit: Hinten befindet sich ein alter Stall, es gibt eine ehemalige
Schlachterei. In einer Ecke verraten Rußspuren den einstigen Räucherofen. Kühlräume und ehemalige Wurstküchen reihen sich aneinander, bis
man vorn die alte Verkaufstheke erreicht.
Wo früher Schweine hingen, baumeln bereits Kunstwerke an den Haken. „Man kann sich die alten Zeiten genau vorstellen“, sagt Angela Hartig,
eine der Künstlerinnen, während sie durch die Räume führt. In den oberen Stockwerken: leerstehende Wohnungen. KX07 wird die Ausstellung
auf mehr als 500 Quadratmetern zeigen. In nahezu allen Räumen solle etwas stattfinden, kündigen die Künstlerinnen im Alter zwischen Mitte 50
und über 80 an.
Die Gruppe KX07 gibt es seit 2007. Das „K“ steht für Kunst, das „X“ für den wendländischen Widerstand. Regelmäßig realisiert die Gruppe
größere Projekte im öffentlichen Raum. Vor zwei Jahren etwa veranstaltete sie Expeditionen im Barock-Garten in Künsche namens „Wilde
Ordnung“. Ihre Absicht: statt etablierter Kunstorte Plätze mit besonderer Atmosphäre oder Geschichte zu wählen – oder Alltagsorte ins Zentrum
zu rücken. Ziel der Frauen sei es, Kunst „niedrigschwellig“ erfahrbar zu machen: nicht als Luxus, sondern als Methode, durch neue Perspektiven
das Vertraute anders zu sehen – und darüber ins Gespräch zu kommen. Am Thema „Ein Haus“ hätten sie bereits vor dem Gartenprojekt
„gebrütet“, erzählt die Künstlerin Brita Kärner. Die größte Herausforderung sei es gewesen, einen passenden Leerstand zu finden. Das Haus bilde
den thematischen Rahmen: wohnen, leben, hausen. Was mit diesem Haus dazukommt: schlachten – leben und sterben.
Ein Mortadella-Mobilé
„Es geht uns aber nicht um eine historische Aufarbeitung dieses speziellen Hauses“, betont Hartig. „Es hätte auch jedes andere Haus sein können.“ Die Künstlerinnen hätten sich in die Hausgeschichte eingearbeitet, die Anstöße gebe, aber vordergründig würden „neue Dinge“
entstehen. Der Betrachter werde aktiviert: „Man setzt sich mit den Räumen auseinander. Ist das nun ein künstlerischer Eingriff, oder war das
vorher so?“ , beschreibt Hartig den Grat zwischen Historie und Kunstwerk. Eine Schau beschäftige sich beispielsweise mit dem
Transformationsprozess beim Altern, es gebe ein Mortadella-Mobilé und ein 35 Meter langes „Elend“, wie es Kärner beschreibt – eine längliche
Gestalt, die „an Würste erinnern“ soll.
Die Räumlichkeiten hätten auch etwas Gruseliges, bestätigen die Künstlerinnen. „Am Anfang wollten sich manche von uns hier nicht alleine
aufhalten“, verrät Hartig. Kärner fügt hinzu: „Das Verhältnis zum Sterben und zum Schlachten, also gewalttätigem Sterben, das rückt einem nahe.
Da muss man eine Position haben, finde ich.“ Ideen gebe es „im Überfluss“, schildert Kärner. „An jeder Ecke kommt eine Idee auf und will etwas
von einem.“ Ein Haus sei eben kein neutraler Ort, sondern vieles zugleich: Zuhause, Produktionsstätte, Treffpunkt, Geschäft. Schauplatz für
Dramen, Sehnsüchte, Bedrängnisse, freudige und traurige Ereignisse, schildern die beiden.
Bei der Haussuche habe Ursula Fallapp, Leiterin für Marketing und Stadtentwicklung in der Samtgemeinde Elbtalaue, geholfen. Das Projekt läuft
unter dem Dach des Vereins Dömitzer Eisenbahnbrücke. Es wird von der Stiftung Niedersachsen, der Sparkasse Uelzen Lüchow-Dannenberg,
der Bürgerstiftung Dannenberg, dem Rotary-Club und dem Landkreis Lüchow-Dannenberg gefördert.
„Leider werden die Fördermittel immer knapper“, sagt Kärner. „Es ist ein echter Kraftakt“, ergänzt Hartig. Beide betonen jedoch, wie viel Freude
ihnen die Arbeit bereitet. Ein Ärgernis während der Aufbauphase: Im Mai wurde die Schaufensterscheibe eingeschlagen. Sie ist bisher nur
provisorisch gesichert, da das Gebäude bald saniert werden solle.
▶ Die Ausstellungseröffnung findet am Sonntag, dem 17. August, ab 16 Uhr mit Livemusik statt. Die Ausstellung ist vom 18. August bis
14. September, donnerstags bis sonntags jeweils von 14 bis 17 Uhr geöffnet. An den Wochenenden sind begleitende Veranstaltungen
geplant, darunter Künstlergespräche, Lesungen, Führungen und Inszenierungen.